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 Blindes Essen 
Nala Geschrieben von Priska Rubischon (Link) am Sonntag, 26. November 2006, 13:32
aus dem ich-seh-nichts dept.

Gestern hat mich Marius als Geschenk zu seinem (!) Geburtstag ausgeführt. Gemeinsam sind wir nach Basel gefahren um dort erst das Musical Grease zu sehen und anschliessend blind abendzuessen - wir waren im Blinde Kuh.

Die Unterschiede der beiden Events könnten nicht grösser sein. Erst im Musical, wo viel mit Licht, Musik und Bewegung gearbeitet wurde und dann die absolute Dunkelheit, wo man nur mit tasten, riechen und hören weiterkam.

Der Besuch der Blinden Kuh ist auf jedenfall empfehlenswert und eine ganz spezielle Erfahrung. Im Foyer wird einem erklärt wie alles abläuft, man sucht sich auf der an die Wand gebeamte Speisekarte das Essen aus - oder nimmt wie wir das Ueberraschungsmenu wo man dann nicht weiss was kommt. Anschliessend wartet man bis man von der Bedienung abgeholt wird. Alle die dort bedienen sind blind. Für uns war Monika zuständig. Eine blondhaarige Frau so um die 40. Sie erklärte uns nochmal genau wies nun weiter geht. Erst gings in einen Verdunkelungsgang, wo sich die Augen etwas an die Dunkelheit gewöhnen konnten, es aber noch nicht wirklich stockfinster war. Da erklärte sie uns auch, dass sie uns nun an den Tisch führen werde, die Hände zur Stuhllehne führen und man sich dann setzen solle. Anschliessend werde sie Essen servieren, wenn wir Hilfe bräuchten, z.B. weil wir aufs Klo müssen, sollen wir einfach "Monika" rufen.

Im Polonaise-Stil gings dann in Essraum wo wir von absoluter Dunkelheit empfangen wurden. Man sah weder die Hand vor Augen noch sonst irgendeine noch so kleine Lichtquelle. Darauf vertrauend, dass Monika uns schon richtig führen werde, gingen wir ganz langsam hinter ihr her, ich meine Hand auf ihrer Schulter, Marius die seine auf meiner Schulter. Es ging erst links dann geradeaus, rechts und glaub nochmal links. Dann erklärte Monika, dass wir am Tisch wären. Es sei ein 8er Tisch, aber wir wären die ersten am Platz. Sie nahm meine Hand und führte sie zur Stuhllehne. Ich ertastete mir mal die ganze Lehne und setzt mich dann hin. Derweil ging sie mit Marius um den Tisch rum und liess auch ihn Platz nehmen.

Ein komische Gefühl das einem da so durch Kopf und Körper geht. Egal, was man versucht, es ist einfach dunkel. Man tastet mal den Tisch ab, findet Gabel, Serviette, Messer. In der Zeit brachte Monika auch schon ein "Amuse bouche", das sie uns in die Mitte stellte und wir erstmal erstasten mussten wo es ist, damit wir es essen konnten :-) Nachdem sie unsere Bestellung aufgenommen hatte, kam sie mit den Getränken wieder. Jeweils mit der Warnung, sie käme von rechts erklärte sie jede Tat die sie machte. Sie stelle das Glas rechts von mir hin und dahinter stehe das Fläschchen. Wiederum hiess das für mich mal ertasten wo das genau ist, wie es steht. Unglaublich wie man die eigenen Sinne von einer völlig neuen Seite kennenlernt und auf Geräusche achtet, die man sonst wohl nicht mal bewusst hört.

Marius und ich schafften es sogar mit den Gläsern anzustossen - ohne einander zu sehen eine gar nicht so einfache Angelegenheit. Unser Ueberraschungsmenu startete mit einem Teller voll irgendwas. Roch fein, also mal Gabel und Messer ertasten und versuchen etwas auf die Gabel zu bekommen und ab in Mund. Aaahh fein! Salat! Aber halt, da ist irgendwie noch was grösseres auf dem Teller. Konnte mit Gabel "abgestochen" werden. Geschmacklich irgendetwas mit Kürbis, terrinenartig wegen dem Glibber. Lustig zum Essen - wie das wohl aussieht? Wir werden es nie erfahren. Jedenfalls kam bald mal das nächste Problem. Wie weiss man, ob man alles gegessen hat? Erst versuchte ich mit Gabel jeweils von oben nach unten im Teller alles zusammenzuschieben. Als es nur noch nach Teller tönte hab ich noch den Fingertest gemacht ;-)

So langsam füllte sich der Saal mit Menschen - die wir alle nur hörten, denn Sehen war auch nach angewöhnen an die Dunkelheit unmöglich, da es einfach nur schwarz war. Absolut nirgends auch nur die kleinste Lichtquelle. Neben uns zwei jüngere Frauen und daneben ein (vermutlich :) Ehepaar wohl etwas älter. Da man auch nichts sah, ergaben von selber Gespräche mit den Tischnachbarn. Denn "ob ich wohl noch was auf dem Teller habe?" oder "Wo ist mein Fleisch?" veranlasst einem einfach mitzulachen und mitzurätseln.

Beim Hauptgang war es irgendwie ein grösseres Fleischstück (hey, das ist gar nicht so einfach Fleisch mundgerecht zu schneiden, wenn man nichts sieht *g*) mit Schupfnudeln - die erkannten wir ziemlich schnell und Karotten (auch schnell erkannt). Nach dem Fingertest stellte ich fest, dass ich alles aufgegessen habe und legte meine Hände neben dem Teller auf den Tisch. Aeh halt moment, was ist das? Eine Schupfnudel. Das weitere Abtasten aussen am Teller brachte dann auch noch 3 Karotten zum Vorschein. Wie peinlich, man merkt nicht mal, dass was runtergefallen ist! Aber gesehen hat es zum Glück niemand :-)

In der Zwischenzeit hatte ich auch mal mein Glas Wasser nachgefüllt. Die Flasche war ja zum Glück nicht mehr ganz voll und man konnte so mittasten, das man wirklich ins Glas einschenkt. Nun bestellte ich aber eine neue Flasche und die wurde mir von Monika nur in die Hand gereicht. Super. Wie krieg ich eine volle Flasche dazu, nicht neben meinem Glas sich zu entleeren? Es hat jedenfalls geklappt, wenn es wohl auch eher lustig aussah, wie ich da mit Handtrichter die Flasche langsam kippte um ins Glas zu treffen.

Jegliches Zeitgefühl verloren versuchte man natürlich mit den anderen Sinnen herauszufinden, wo man eigentlich ist, was genauso um einem läuft. Links von mir war jedenfalls ein Durchgang wo das Personal hin und her ging und sich selber immer wieder mit "Service" bemerkbar machte um keine Zusammenstösse zu haben. Ebenso musste es wohl noch ein Brünneli haben, denn immer mal wieder hörte man Wasser rauschen und jemand wusch sich die Hände.

Beim Dessert fanden wir sehr schnell raus, dass es etwas mit warm und kalt war - erspürt man am Teller. Mit dem Löffel suchend fand man dann vielleicht auch das Glace und etwas festes - was sich als Ananasstücke herausstellte. Absolut lecker. Als neue Herausforderung haben wir uns dann natürlich noch einen Kaffee bestellt. Muss man schliesslich austesten :-) Marius begnügte sich mit einem Espresso - da er da weder Rahm noch Zucker reinbringen muss. Ich entschied mich für einen Latte Macchiato (da ist wenigstens schon die Milch drin :-). Zucker hab ich irgendwie auch reingekriegt und das Willisauer-Ringli das es dazu gab, war auch noch lecker - sobald man es dann aus der Verpackung gekriegt hatte 8-)

Um wieder rauszukommen musste man dann aufstehen und beim Stuhl warten. Daraufhin wurden wir von Monika wieder im Polonaise-Stil nach draussen geführt. Nach der Ueberlegung am Tisch, dass sie wohl am Boden Markierungen haben um sich einigermassen zu orientieren, stellte ich dann beim weggehen fest, dass man die wirklich durch die Schuhe spürt - wenn man sich diese Sinne etwas zu Nutze macht. Wieder im Verdunkelungsgang die ersten Lichtquellen. Und dann um die Ecke - stehenbleiben. Man ist regelrecht geblendet, es wird einem fast schwindelig. Nach einem Blick auf die Uhr wird auch klar warum. Wir waren 3 1/2 Stunden in absoluter Dunkelheit.

Bei der Bezahlung erhielten wir dann auch noch ein Papier wo drauf stand, was wir genau zum Essen bekamen:

Kürbis Timbale mit Crema die Balsamico
***
Gebratenes Känguruhfilet an Calvadossauce
Mit Apfelstückchen
Schupfnudeln und küttiger Karotten
***
Karamellisierte Ananas und Bananen
mit Malibu und Schokoladeneis


Lecker war es! Der Abend war ein voller Erfolg und es war eine völlig neue, aber lehrreiche Erfahrung. Mal für ein paar Stunden erleben, wie es Blinden Tag für Tag, Woche für Woche, Jahr für Jahr ergeht. Viele Schwierigkeiten die sie wohl überwinden müssen und doch soviele Möglichkeiten durchaus auch Positives zu finden.

Die Stunden in der Dunkelheit haben mir gezeigt, wie froh ich sein muss, dass ich Sehen darf. Es ist mir bewusst geworden, welch Privileg es ist und welche Leistung Blinde bringen. Ganz toll an der Blinden Kuh finde ich, dass eben Blinde bedienen, Menschen für die diese Dunkelheit absolut normal ist und die vermutlich eher darüber schmunzeln, mit welchen Problemen wir kämpften.

Marius, ganz herzlichen Dank, dass Du mit mir diese Erfahrung geteilt hast. Der Tag war wunderschön!

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Das Kleingedruckte: Der Besitzer der folgenden Kommentare ist wer immer sie eingeschickt hat. Wir sind in keiner Weise für sie verantwortlich.

  • ventilator@semmel.ch Re: Blindes Essen
    Geschrieben von Venty (Link) am Sonntag, 26. November 2006, 19:34

    Mjam! Känguruh!